Showdown in London

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Von Stefan Klein, FACTS, September 14, 2000

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Aids Hat ein Polio-Impfstoff die Seuche ausgeloest? Der Verdacht ist vorerst entkraeftet. Der Kampf geht weiter.

Vier Jahrzehnte schlummerten die Glasflaeschchen in einem Kuehlschrank des Wistar-Instituts in Philadelphia, laengst vergessen von den Forschern: sechs Proben mit einem Versuchsimpfstoff, Ueberbleibsel der verzweifelten Schlacht gegen die Kinderlaehmung. Im vergangenen Jahr gerieten die verstaubten Asservate ploetzlich in die Schlagzeilen. Der britische Journalist Edward Hooper behauptete in seinem Buch "The River", ausgerechnet diese Impfversuche haetten eine noch viel schlimmere Seuche in die Welt gesetzt: Aids. Das Serum koennte aus infizierten Affen gewonnen worden sein, so Hooper.

Tatsaechlich haeuften sich die ersten Aids-Faelle dort, wo der Wissenschaftler Hillary Koprowski Ende der Fuenfzigerjahre seine Impfversuche unternommen hatte: im Kongo, in Ruanda und Burundi. Die sechs Flaeschchen im Wistar -Institut mit dem Rest des Versuchsimpfstoffs waren die einzigen Zeugen, die den Verdacht erhaerten oder entkraeften konnten. Nach langem Tauziehen gab das Wistar-Institut die Proben fuer eine Untersuchung frei.

Am vergangenen Montag nun kam es auf einer Aids-Konferenz in London zum Showdown zwischen Buchautor Hooper und Impfveteran Koprowski. Unter dunklen Oelportraets ehrbarer Wissenschaftler gab Claudio Basilico, der Chef der Untersuchungskommission, Entwarnung: "Alle Proben sind HIV-negativ."

Doch Hooper zeigt sich wenig beeindruckt. "Wir sollten nicht glauben, dass unsere Wissenschaftler alle Antworten haben", beginnt er sein kurzes Pressestatement. Kurzer Tumult, Hooper redet weiter: "Die Ergebnisse, die hier vorgestellt worden sind, kratzen kein bisschen an meiner Theorie." Schliesslich sei der experimentelle Impfstoff in mindestens drei Laendern hergestellt worden. Da bringe es wenig, allein die Proben aus dem Wistar -Institut als Gegenbeweis anzufuehren.

Mit einer empoerten Gegenrede antwortet Koprowski: "Erfindungen sind das", schnaubt er. "Jetzt stehe ich als Moerder da, als Bringer von Aids", sagt er sichtlich erschuettert. "Warum sprechen wir nicht davon, wie viele Leben die Polio-Impfungen gerettet haben?" Zerstreut ist Hoopers Hypothese am Ende nicht. Tatsaechlich wurde Koprowskis Impfstoff in grossen Mengen hergestellt, und Laborunterlagen existieren nicht mehr. Auch wenn die sechs letzten Proben des Impfstoffs virenfrei waren, andere Chargen muessen es nicht gewesen sein.

Neue Rechnungen sind eher geeignet, Hoopers ungeheuren Verdacht zu entkraeften. Wissenschaftler aus Los Alamos haben per Computer die Gen -Sequenzen verschiedener HIV-Viren und ihrer Gegenstuecke beim Affen verglichen. So konnten sie den gemeinsamen Ursprung all dieser Staemme datieren: Um das Jahr 1930 muss ein Virus existiert haben, auf das alle heutigen Erreger zurueckgehen. Andere Kalkulationen beweisen, dass das Virus seitdem mindestens siebenmal unabhaengig von- einander auf den Menschen uebergesprungen sein duerfte.

Die Herkunft von Aids aus Polio-Impfstoffen waere damit wenig wahrscheinlich. Doch vermutlich haette sich die Seuche langsamer verbreitet, waeren die Aerzte beim Impfen in Afrika sorgsamer gewesen: Nicht desinfizierte Spritzen befoerderten das Virus aus dem Blut eines Patienten zum naechsten. Schlimmer noch: Wie Tierversuche vor kurzem zeigten, kann der Erreger durch solch haeufige Passagen immer boesartiger werden. Die sechs virenfreien Ampullen moegen einen Forscher entlasten - einen Freispruch fuer die westliche Medizin bedeuten sie keineswegs.